alftavatn-island-lukas-gawenda

Versinkt die künstlerische Qualität in der digitalen Bilderflut?

Man schätzt, dass etwa 10 Prozent aller Fotos in den letzten 12 Monaten aufgenommen wurden. Alle zwei Minuten werden heute so viele Bilder geschossen, wie die gesamte Menschheit in dem Zeitraum von 1826 bis 1900 aufgenommen hat.

Dieser inflationäre Umgang mit der (Digital)Fotografie hat mir oft zu denken gegeben. Immer mehr stellte sich für mich die Frage, welchen Einfluss diese Bilderflut auf die künstlerische Qualität der einzelnen Fotos hat. Bei einigen Fotoworkshops in Island, an denen ich teilgenommen habe, erlebte ich Fotografen, die von einem Motiv innerhalb einer Stunde 500 Bilder aufgenommen haben. Bei den abendlichen Bildpräsentationen war ich jedoch oft enttäuscht davon, wie inhaltsleer viele ihrer Bilder waren und wie wenige kreative Gestaltungselemente genutzt wurden. Bei vielen Bildern spürte man förmlich, in welcher Hektik diese fotografiert wurden.
Ich habe mich auf die Suche nach Gegenentwürfen gemacht und bin dabei auf den amerikanischen Naturfotografen Jim Brandenburg gestoßen. Für sein Buchprojekt „Natur im Licht“ war er 90 Tage in der amerikanischen Wildnis unterwegs.

Jim Brandenburg hatte sich vorgenommen, jeden Tag nur ein Bild zu machen.

Herausgekommen ist ein Bildband, bei dem man bei jedem einzelnen Bild spürt, mit welcher Intensität und Ernsthaftigkeit er um dieses „Bild des Tages“ gerungen hat. Dieser gelungene Versuch und sein Ergebnis haben mich sehr beschäftigt – hat er doch damit bewiesen, dass das ruhige und bewusste Fotografieren und die Auseinandersetzung mit dem Motiv eine Grundvoraussetzung für ausdrucksstarke Bilder darstellt.
Bei einer Fotoreise nach Island hatte ich mir vorgenommen, einen ähnlichen Versuch zu machen – was mir in Anbetracht der grandiosen Schönheit der Natur sehr schwer fiel. Zwei Tage habe ich es mit einem Bild pro Tag durchgehalten, danach habe ich das Limit auf etwa 30 Bilder erhöht und bin dabei auch für den Rest meiner Reise geblieben. Bei der Auswertung meiner Bilder hatte ich den Eindruck, dass diese „Entschleunigung“ auch in den Bildern sichtbar wurde. Auch im Vergleich zu der vorhergehenden Reise, als ich mehrere hundert Bilder am Tag fotografiert hatte, kam ich für mich zu dem Ergebnis:

  • Weniger ist mehr

  • Fotografieren lernen, bedeutet zuerst Sehen lernen

Ein weiterer berühmter Fotograf, Ansel Adams, hat einmal gesagt

12 gute Fotos in einem Jahr sind eine gute Ausbeute.

Das Beitragsbild (oben) betrachte ich als eines meiner 12 guten Fotos in diesem Jahr. Die Ruhe, die ich mir dafür genommen habe, und die Geduld, auf das richtige Licht zu warten, spiegeln sich im wahrsten Sinne des Wortes auch in diesem Bild wider.